Festspiel-Symposium 2018

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ZEITENWENDE 1918/1938

Der Erste Weltkrieg markierte eine Zeitenwende mit unvorhersehbaren politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Folgen. Er veränderte nicht nur die territoriale Landkarte des europäischen Kontinents nachhaltig, sondern hinterließ auch Spuren in den Seelen der Menschen, die ihn durchlebten. „Die Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) war unwiederbringlich verloren, doch wodurch sie ersetzt werden sollte, blieb das große Rätsel dieses Jahrhunderts der Extreme.

Mitten im Ersten Weltkrieg als Antwort auf die europäische Zeitenwende gegründet, spiegelt sich im Mikrokosmos Salzburger Festspiele auch die Große Weltgeschichte wider. „Kunst und Wirklichkeit, Theater und Leben: überall sonst sind’s zwei getrennte Sphären. Hier bilden beide ein unlösbares Ganzes“, lässt bereits Erich Kästner den Protagonisten seines Romans „Der kleine Grenzverkehr“ über Salzburg und die Festspiele bemerken.

Das diesjährige Festspiel-Symposium beleuchtet an drei Vormittagen, wie stark Kunst, Politik und Ideologie während der Zeitenwende 1918/1938 bei den Festspielen miteinander verwoben sind.

 

31. Juli 2018 10.00 Uhr Schüttkasten
Das Todesröcheln der Donaumonarchie

Barbara Coudenhove-Kalergi, Journalistin
Bundespräsident a.D. Dr. Heinz Fischer, Politiker
Univ.-Prof. Dr. Norbert Christian Wolf, Germanist
Moderation: Michael Kerbler

Zu Beginn liest Elisabeth Trissenaar literarische Texte der Zeit.

Mit der Idee von Festspielen versuchten die Gründerväter Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt, nach dem Ersten Weltkrieg Ordnung ins Chaos der Nachkriegszeit zu bringen. Nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung, sollte das Theater als festliche Anstalt Tradition, nationale Identität und Gemeinschaftlichkeit stiften. Die Festspiele wurden ein Projekt gegen die Identitätskrise und den Werteverlust des einzelnen Menschen, aber auch ganzer Völker.

In diesem Sinne gehören die Salzburger Festspiele, so der englische Historiker Eric Hobsbawm, „ihrem Ursprung nach zum Todesröcheln der Donaumonarchie“ und sie gehören „zur Geschichte der europäischen Kultur im 20. Jahrhundert“.

9. August 2018 10.00 Uhr Schüttkasten
Der Geschmack der Vergänglichkeit

Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka, Politikwissenschaftler
Univ.-Prof. Dr. Robert Kriechbaumer, Historiker
Daniel Kehlmann, Schriftsteller
Moderation: Michael Kerbler

Zu Beginn liest Elisabeth Trissenaar literarische Texte der Zeit.

Zwischen 1934 und 1937 repräsentierten die Salzburger Festspiele das in die Welt getragene Symbol der nationalen und kulturellen Unabhängigkeit Österreichs. Künstler wie Arturo Toscanini und Bruno Walter arbeiteten konsequent an der Internationalisierung der Salzburger Festspiele, die sich künstlerisch und ideologisch als „Gegen-Bayreuth“ positionierten. In den Sommern wurde die Stadt zum Treffpunkt einer internationalen High Society. Die Festspiele bündelten alle Feindbilder der Nationalsozialisten: das Österreichische, das Klerikale und das Jüdische. Dies machte sie zur bevorzugten Zielscheibe der NS-Propaganda. Max Reinhardt sah das drohende Unheil am Horizont aufziehen, als er im Sommer 1937 bei einem Empfang auf Schloss Leopoldskron bemerkte: „Das Schönste an diesen Festspielsommern ist es, dass jeder der letzte sein kann. Man spürt den Geschmack der Vergänglichkeit auf der Zunge.“

16. August 2018 10.00 Uhr Schüttkasten
Frei und deutsch sei die Stadt Mozarts

Dr. Gerhard Jelinek, Journalist
Dr. Gert Kerschbaumer, Historiker und Germanist
Maja Haderlap, Schriftstellerin
Moderation: Michael Kerbler

Zu Beginn liest Elisabeth Trissenaar literarische Texte der Zeit.

Am 12. März 1938 marschierten nationalsozialistische Truppen in Salzburg ein: Der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland war vollzogen, und die braune Ideologie warf ihren düsteren Schatten auf die Salzburger Festspiele. Aus dem „jüdisch-österreichischen Bollwerk gegen Deutschland“ sollten nun germanische Festspiele werden. Der Jedermann wurden ebenso vom Spielplan verbannt wie Reinhardts spektakulärer „Faust“ in der Felsenreitschule, den man durch „Egmont“ ersetzte. Politik und Presse versprachen einen von „artfremden Einflüssen“ befreiten Neubeginn.

Doch die Veränderungen im Programm blieben kosmetisch: Von den zehn Produktionen des Jahres 1937 wurden sechs Stücke ins Programm von 1938 übernommen. Umbesetzungen sollten den Eindruck des Neuen suggerieren. „Die Festspiele“, polemisierte die Nazi-Presse, „waren bisher ein jüdischer Hexensabbat“, nun aber bedeuten sie „den Sieg über diese Mächte der Unterwelt und die Auferstehung der alten, urewig deutschen Stadt Salzburg.“

Kuratiert von Helga Rabl-Stadler

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